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Tagebuch
3.9.2008: Ist Affoltern überall?
(Wim) Das Cabriolet-Dach ist hochgeklappt, das Zelt für die Veranstaltungen steht, alles ist bereit für den Einsatz des Sozial-Labors direkt am S-Bahnhof Zürich-Affoltern. «Was bringt dieser Einsatz dem Quartier?», fragte eine Journalistin an der Medienorientierung. «Was brauchte es, damit in einem Neubauquartier konstruktive Alltagserfahrungen entstehen? », fragte Ursula Blosser, Rektorin des Departements für Soziale Arbeit zurück. Und gab auch gleich eine Antwort: «Wir möchten mit Frauen und Männern, Jungen und Alten hier in Affoltern ins Gespräch kommen und dazu attraktive Zukunftsperspektiven herausschälen. » Das Sozial-Labor verstehe sich dabei als Plattform und als kleines Labor. Das grosse Labor sei das Quartier selbst, in dem durch den Zuzug von mehr als 2000 Personen ein Prozess in Gang sei, den niemand überblicken könne. Ein Prozess, der auch in anderen grossen Neubaugebieten der Stadt ablaufe. Affoltern sei kein Einzelfall, was einzigartig am Quartier sei, das gelte es aber auch herauszuschälen. «Wirft die Aktion denn nicht ein schlechtes Licht auf Affoltern? » wollte die Medienschaffende weiter wissen. «Wir wollen publik machen, wie wichtig es ist, dass die Quartierbewohner Einfluss auf die Entwicklung nehmen», erklärte Edi Martin, Dozent am Departement Soziale Arbeit und Standortleiter für den Einsatz in Affoltern, «der Fokus ist in die Zukunft gerichtet. »
Zwei Perspektiven: Die Kerngruppe sucht ein richtiges Zentrum
Während der Medienorientierung schien noch die Sonne, doch dann schlug das Wetter um. Der Wind peitschte gegen das Zelt und die Kerngruppe, die sich um die Zukunft des Quartiers Gedanken macht, kämpfte gegen das Trommeln des Regens. Pia Meier vom Vorstand des Quartiervereins und Dominique Tschannen von der Gemeinwesenarbeit Zürich-Nord berichteten vor einer Gruppe Interessierter, welche Ideen zur Aufwertung des Zehntenhaus-Platzes realisiert werden konnten und welche noch auf der langen Bank liegen. «Wir haben kein richtiges Zentrum» unterstrich Meier, «und wachsen und wachsen als Quartier in alle Richtungen. » Simone Gabi vom Amt für Städtebau der Stadt Zürich erklärte, dass in der nächsten Zeit vor allem Ersatzbauten von Wohnbaugenossenschaften realisiert werden.
Die Autorengruppe «Bern ist überall« sucht das Verbindende
Was spielt sich in einem Hochhaus ab, was in einer Quartierbeiz zwischen 15 Uhr 33 und 16 Uhr 12? Die Autorengruppe «Bern ist überall» breitete vor dem Publikum ein Gewebe von Texten aus, minutiöse, witzige und überraschende Muster des Alltagslebens. Die Musikerin Margrit Rieben verstärkte die Rhythmen mit ihren Schlaginstrumenten. Deutlich brachte die Gruppe mit ihren viersprachigen Texten das Verbindende zum Ausdruck, Daniel de Roulet in allen drei Landessprachen, Gerhard Meister in einem breiten Berndeutsch und Arno Camenisch in einem singenden Romanisch und Bündnerdialekt. Bern ist überall, und Affoltern? Das Sozial-Labor gastiert noch bis am 13. September am S-Bahnhof. Zum Abschluss lädt der Künstler Max Bottini zu den Gesprächen am langen Tisch ein. Für ein paar Gastgeber und Gäste aus dem Quartier hat es noch Platz.
6.9.2008: Willkommen in Affoltern
(Wim.) 70 Neuzuzüger und Neuzuzügerinnen konnten Doris Weber, Präsidentin des Quartiervereins, und Dominique Tschannen von der Gemeinwesenarbeit Zürich-Nord im Sozial-Labor begrüssen. Der Begrüssungslass wurde vom Netzwerk Zürich-Affoltern organisiert und war Teil des Programms des Sozial-Labors. Viele Vertreter von Institutionen und Vereinen waren anwesend, an einer zwanzig Meter langen Holzwand im Veranstaltungszelt waren Prospekte und andere Unterlagen zu deren Aktivitäten greifbar.
Rundgang und Aussicht über Affoltern
Vor dem Apéro stand ein Rundgang auf dem Programm. In drei Gruppen wurden die Interessierten auf eine kleine Tour an drei Standorte geführt: Aufs das Dach des Altersheims, das einen guten Ausblick über das Quartier bis zum Naherholungsgebiet rund um den Katzensee bietet, dann in die Siedlung Ruggächern, als Beispiel eines Neubaugebietes, und zur kleine Kirche im alten Dorfteil, das einstige Zentrum des Gebiets.
Plattform für Begegnungen
Der Apéro bot verschiedene Gelegenheiten für Begegnungen. Edi Martin und Hanspeter Hongler, Dozenten am Departement Soziale Arbeit, forderten Neuzugezogenen auf zu erzählen, wie sie Zürich-Affoltern erlebten. Simon Binder, Student an der Hochschule, machte Interviews und hielt die Eindrücke fest. Auffallend war, dass die meisten Deutschschweizer waren. Ein Paar kam aus Deutschland und jemand aus der welschen Schweiz. Zuzüger aus anderen Ländern fanden den Weg an den Willkommens-Anlass offenbar nicht, da er auch nicht in mehreren Sprachen angekündigt wurde. Für ein nächstes Mal, so war man sich am Schluss einig, müsste man eine sprachliche Lösung finden, die den Kreis der Begegnungen noch erweitern könnte.
Mitarbeitende des Gemeinschaftszentrum luden die Kinder zum Malen ein, und der neu gegründete Verein Abenteuerspielplatz nutzte die Plattform, für seine Idee Werbung zu machen und Eltern zu finden, die bei der Realisierung bereit wären, mitzuhelfen. Ein Nagelwettbewerb bot die Gelegenheit, die besten und schnellsten Handwerker unter den grossen und kleinen Besucherinnen und Besuchern ausfindig zu machen.
8.9.2008: Bar- und Perrongespräche
(Wim.) Morgens um sieben Uhr standen die beiden Dozenten Edi Martin und Hanspeter Hongler sowie die Studentin Maja Salvini auf dem Perron des S-Bahnhofs Zürich-Affoltern mit Flugblättern, um auf das Programm des Sozial-Labors aufmerksam zu machen. «Wir haben davon in der Zeitung gelesen», sagten die einen und zeigten auf den Tages-Anzeiger unter ihrem Arm, ein ganzseitiger Artikel zum Anlass vom Samstag ist darin erschienen. Andere kamen in letzter Sekunde, bevor der Zug abfuhr und waren nicht in ein Gespräch zu verwickeln. «Ich war überrascht, dass die Pendler überhaupt unser Flugi entgegen genommen haben“, so die Studentin Maja Salvini, «bei soviel Werbung, die tagtäglich verteilt wird. »
Gespräche rund um das Sozial-Labor und an der Bar Nach 9 Uhr wurde es ruhiger rund um den S- Bahnhof, und der eine oder andere Passant kam in die Bar zu einem Kaffee oder blieb einfach vor der Container-Installation stehen. Maja Salvini hatte ihr Tonband dabei und fragte ganz allgemein: «Was gefällt ihnen in Affoltern, was nicht? »
Eine Mutter mit Kinderwagen schätzt die Nähe zur Natur und die Durchmischung von Jung und Alt in der Überbauung, in der sie lebt. Für eine ältere Frau ist alles viel zu schnell gewachsen und jemand beklagt, dass der öffentliche Verkehr überlastet sei und der Autoverkehr alles verstopfe.
Die Studierenden und Dozierenden der Hochschule versuchen mit ihren Interviews und Gesprächen, auf den Perrons und an der Bar, den Puls dieses Stadtteils zu messen, nicht quantitativ sondern qualitativ. Dazu gehören auch die Veranstaltungen vom Mittwoch, Donnerstag und Freitag Abend, an denen Studierende Veranstaltungen mit Quartierbewohnern moderieren, eine Plattform für die Selbstdarstellung von Jungendlichen inszenieren oder durch die Siedlung Ruggächern führen und zusammen mit Bewohnern Einblicke in den Wohnalltag vermitteln.
9.9.2008: Gefragte Freiwillige
(Wim.) Freiwillige werden für die Arbeit im sozialen Bereich überall gesucht: für die Nachbarschaftshilfe, als Ersatz-Grosi, oder als Unterstützung von Migranten-Jugendlichen bei der Lehrstellensuche. Doch wie findet man diese Freiwilligen, z.B. in Affoltern? Unter diesem Thema stand der gestrige Tag im Sozial-Labor.
Wie wirbt man Freiwillige?
Am Nachmittag trafen sich auf der Plattform zwischen Bar- und Labor-Container eine Reihe von Institutionen und Vereinen, die auf die Mithilfe von Freiwilligen angewiesen sind und tauschten ihre Erfahrungen aus. Am Abend versammelten sich vor dem Labor rund 50 Interessierte und solche, die bereits Freiwilligenarbeit leisten. Barbara Albrecht von der Nachbarschaftshilfe Zürich sagte kurz und bündig: «Wir suchen Menschen, die Zeit haben und Zeit verschenken wollen.» Vertreterinnen der Arche Affoltern, der reformierten und katholischen Kirchgemeinden, des Gemeinschaftszentrums und der Caritas stellten ihre Arbeitsangebote für Freiwillige Arbeit vor, von der Begleitung fremdsprachiger Kinder bis zur «Flickstube», wo Migrantinnen alles mit ihren Nähmaschinen flicken, das noch zu flicken ist, begleitet von freiwilligen Frauen, die den Kontakt zu den Kunden schaffen oder mit anderen Erfahrungen weiterhelfen können.
Gefragte Erfahrungen
Francois Louis Nicolet, 73, ist einer der vielen Freiwilligen, der gerne seine Erfahrungen weitergibt. Er ist Physiker und arbeitete seit Ende der 1960er Jahre als Informatiker. Seit sechs Jahren pensioniert, arbeitet er heute regelmässig als Aufgabenhilfe im Schulhaus Zürich-Seebach und begleitet daneben für das Projekt «Incluso» Migranten-Kinder bei der Lehrstellensuche. «Junge Leute aus Familien, die aus anderen Kulturen mit einer anderen Sprache stammen, haben es schwerer als Kinder von Schweizer Familien», berichtet er von seinen Erfahrungen, «oder wenn man einfach nichts zu fragen wagt, dann heisst es schnell, der ist uninteressiert. » Nicolet coachte seinen Schützling, der unbedingt Elektriker werden wollte, bis er seine Fragen bei der zweiten Schnupperlehre auch stellen konnte.
«So kann ich meine Erfahrungen einsetzen», erzählte er am Rand der gestrigen Veranstaltung. Seine Augen glänzten hinter der runden Brille. Und was macht er daneben? «Ich schreibe ein Buch über die Geschichte der Informatik für Schülerinnen und Schüler. »
«Und wann läuft der Film? »
Es war schon fast Mitternacht, als vier Skate-Boarder beim Sozial-Labor landeten und Dani Geser die letzten Installationen für den nächsten Tag montierte. «Läuft der Film hier? » fragten sie. «Demnächst in diesem Theater», antwortete Dani Geser. Es stellte sich heraus, die vier spielten im Film der Hochschulstudenten mit, der am Freitag Abend gezeigt wird.
10.9.2008 Das CeCe-Areal im Blickfeld
(Wim) Die Studierenden Simon Binder, Jonas Bösiger, Ahu Köken, und Nora Lechmann studierten im letzten Semester das Neubaugebiet Ce-Ce-Areal in Affoltern. Sie befragten Bewohner und Bewohnerinnen und gleichzeitig Quartierbewohner mit dem Ziel, eine Innen- und eine Aussensicht zusammen zu stellen. Denn bei der Beurteilung der beiden grossen weissen Gebäudekomplexe, mit 550 Wohnungen für rund 1500 Mieterinnen und Mieter, gehen die Meinungen auseinander. Die einen kritisieren: «Es ist eine Kaserne! Hässlich und riesig!». Die anderen loben: «Mein idealer Wohnraum! Gute Lage und angenehme Wohnung.» «Eine gute Wohnatmosphäre mit viel Kultur», sagen die einen, «zuviel Ausländer und zuviel Unterschicht», die anderen.
«Wir sind gut angekommen»
Gestern moderierten die vier Studierenden eine Podiumsveranstaltung auf der Plattform des Sozial-Labors und luden dazu Bewohner der Siedlung und des Quartiers sowie Albert Kesseli von der Bachmann-Stiftung als Vertreter des Eigentümers ein. «Wir sind gut in Affoltern angekommen», erzählten das junge Paar Esra und Ahmet Uzdemir, die im April 2007 von Oberuzwil (SG) ins Cece-Areal gezogen sind. Die Architektur, der Grundriss und das Preis-Leistungsverhältnis der Wohnung hätten den Ausschlag gegeben. «Und die Mischung der Leute», ergänzte Ahmet Uzdemir, «zwischen Brasilianern, Türken, Tibetern und Somaliern zu leben, das gibt eine gute Stimmung.» Pia Meier, vom Vorstand des Quartiervereins, brachte die Perspektive der Alteingesessenen ein, die sich noch immer nicht an den grossen weissen Riegel in der Landschaft gewöhnt hätten, der ihnen vor der Aussicht ins Grüne stehe. Und dann die Angst vor allem Fremden und den Sozialfällen. Kesseli, als Vertreter des Bauherrn Bachmann, hatte dazu die Fakten: «Vom jungen Automechaniker bis zum Oberarzt wohnen alle Schichten in der Siedlung», entgegnete er. Bei der Vermietung werde auf eine gute soziale Durchmischung geachtet und die bei weitem grösste Bevölkerungsgruppe seien die Deutschen.
Studiert und moderiert
Das Publikum erlebte an diesem Abend Stadtentwicklung aus nächster Nähe. Ein spannender Abend für die Zuhörer. Und ein spannender Abend für die Studierenden. Denn es war das erste mal, dass die Vier ihre Ergebnisse auf einem Podium präsentierten und moderierten. «Spannender, als nur auf dem Papier festzuhalten», sagte Abu Köken nach der Veranstaltung.
Danke für die Blumen
Spannend war der Ausflug ins Sozial-Labor auch für das Quartierteam des Sozialzentrums «Dorflinde». Die 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machten einen ganztägigen Ausflug in ihr Quartier und wurden am Vormittag im Sozial-Labor von Ueli Troxler und Dominique Tschannen von der Gemeinwesenarbeit Zürich-Nord über die vielfältigen Angebote informiert.
Einen Ausflug ins Sozial-Labor am S-Bahnhof Affoltern machte auch eine Gruppe von Dozierenden der ZHAW, Department Soziale Arbeit, die ihre Planungssitzung für das Aufbaustudium im Labor durchführten und einen Blumenstrauss mitbrachten. Danke!
11.9.2008: Wie lebt es sich in der Siedlung Ruggächern?
(Wim.) Gestern hatte die zweite Gruppe der Studierenden ihren Auftritt: Daniela Freytag, Martin Kohler, Luljeta Krosnigi und Jonas Vögeli führten mehr als zwanzig Interessierte in die Neubausiedlung Ruggächern, schräg vis à vis des S-Bahnhofs Zürich-Affoltern. Die vier hatten als Teil ihres Seminars zur Gemeinwesenarbeit das Leben in der Siedlung studiert, Tag und Nacht. Während einer Woche hatten sie ihre Basis im Gästezimmer der Siedlung, wo sie auch übernachten konnten. Im Ruggächern hat die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich, eine der grössten Baugenossenschaften der Schweiz, 243 Mietwohnungen erstellt, in der heute rund 700 Leute wohnen.
Seminararbeit verdichtet: Führung und Postkarten
Mit einer Seminararbeit, einer Serie von Postkarten und einer öffentlichen Führung haben die vier Studierenden zusammengefasst und verdichtet. Sie waren vertraut mit der Siedlung, dass merkte man als Teilnehmer der Führung bereits nach den ersten Schritten. Daniela Freytag ging voraus und grüsste da eine Bewohnerin und winkte dort einem Bewohner auf einem Balkon. Beim Bouleplatz erwartete Nelly Parker die Teilnehmer der Führung. Parker ist Bewohnerin der «Hausgemeinschaft 55+» und seit Anfang Jahr pensioniert. 34 Wohnungen gehören zu dieser Hausgemeinschaft, die sich nicht als WG versteht, da alle in ihren eigenen vier Wänden wohnen. «Doch man fühlt sich nicht in irgend einem Block, ganz alleine», erklärte Parker den Grund, warum sie für ihren Lebensabend diese Wohnform gewählt hat.
Ihre Mitbewohner und Mitbewohnerinnen sind zwischen 55 und 90 Jahre alt. Den gemeinsamen Eingang im Parterre haben sie mit knallroten Büchergestellten ergänzt, eine Bibliothek mit Krimis, Biographien und Romanen. Stolz führte Parker dann die Gruppe zum gemeinsamen Gästezimmer, durch den Fitness- und Computerraum in den Mehrzweckraum, in dem mal ein Brunch stattfindet oder gemeinsam Fussballspiele und anderes geschaut werden kann.
Einblicke bis ins Badezimmer
Zum Abschluss zeigte Nelly Parker ihre Wohnung im 4. Stock. Dann ging es weiter, hinunter in die Tiefgarage, ins Malatelier der Künstlerin Jeannette Janata und hinauf in den 6. Stock in die Wohnung von Andrea Häuptli und ihrer Familie. Häuptli, Mitglied der Siedlungskommission, erklärte der Gruppe in ihrem Wohnzimmer, wie sich das Leben in der Siedlung Ruggächern abspielt. Alle Türen standen offen, vom Schlaf- bis ins Badezimmer, doch der spannendste Blick war die Aussicht über das Neubaugebiet bis zum Katzensee.
Dozierende an der Bar, einmal anders
Am Montag, Dienstag und Donnerstag Abend informierten die Dozenten Michael Lüthi und Edi Martin über das Studium in Sozialer Arbeit. «Was ist Soziale Arbeit?», «wo wird sie überall geleistet?», «was lernt man da?» und «warum soll das eine Wissenschaft sein?» waren die Fragestellungen. Grosse Veranstaltungen zu diesen Themen waren nicht geplant, und so spielten sich die drei Abendprogramme eher im intimen Rahmen an der Bar ab, bei einem Glas Wein und einem Stück Käse. «Das war eine ganz neue Erfahrung», fasste Edi Martin seine Erlebnisse, den Beamer bedienend und gleichzeitig für das leibliche Wohl seiner Gäste besorgt zu sein, zusammen. Schmunzelnd stellte er fest: «Gleichzeitig Barkeeper und Dozent zu seine, das geht ja in einem.»
12.9.2008: Ein Film, eine Führung oder das Einfädeln neuer Kontakte
(Wim.) Premierenstimmung im Sozial-Labor: Gestern Abend wurde der Film «Jugend in Affoltern» erstmals gezeigt. Zwei Bands aus dem Quartier, die Full Clip und die Ganjabuur, spielten Hip Hop und Reggae und die Pfadi St. Luzi grillierten Würste. Rund 50 Jugendliche füllten das Zelt beim Sozial-Labor mit einer guten Stimmung.
Jugend in Affoltern, ein weites Feld für einen Film
Die Studierenden Filomena Kugler, Jens Heumann und Aliki Schaumann und Jonas Zoller studierten während einem Semester, was Jugendliche in Affoltern in ihrer Freizeit machen, was ihnen am Quartier gefällt und was nicht. Entstanden ist daraus ein 35 minütiger Videofilm. «GIRLS BOYS ZÜRI AFFOLTERÄ» ist ein grosses Thema und ergibt viele Bilder. Dass daraus ein Film entsteht, heisst all die Bilder zusammen schneiden und viel weglassen. Unzählige Stunden hatte Heumann am Schneidepult verbracht und es ist ihm gelungen, ein verdichtetes Bild zu präsentieren. Er spannte den Bogen von den Street Soccern, den Strassenfussballern über die Auftritte der beiden Bands Full Clip und Ganjabuur im Dynamo bis zur den Aktivitäten der Pfadi und der Majoretten, eine Gruppe junger Mädchen, die bei Festumzügen in ihren Uniformen die Parade anführen.
Kugler, Schaumann und Zoll standen für die weitläufigen Recherchen und Interviews. Sie waren besorgt, dass ein Teil der Darsteller und Darstellerinnen des Films gestern Freitag auch live auftraten, ob rappend hinter dem Mikrophon oder mit der Zange am Grill. Hanspeter Hongler, Dozent am Departement Soziale Arbeit, der die Studierenden der Gruppe «Jugend» während ihrer Arbeit begleitete, fasste am Schluss zusammen: «Jugend in Affoltern, das ist ein weites Feld.» Und fügte an: «Die Studienarbeit mit laufenden Bildern gibt einen dynamischen Eindruck davon wieder.»
Einbezug von Mieter und Mieterinnen
Der Auftritt und das Programm des Sozial-Labors am S-Bahnhof Affoltern war zu einem grossen Teil durch die «Feldarbeit» der Studierenden während der ersten Jahreshälfte geprägt. Als Ergänzung zu den schriftlichen Seminararbeiten zeigten die einen gestern ihren Film, die anderen führten am Donnerstag durch die Neubausiedlung Ruggächern, die dritte Gruppe moderierte am Mittwoch ein Podiumsgespräch zum Ce-Ce-Areal und die vierte Gruppe präsentierte für eine Wohngenossenschaft ein Konzept, wie Mieterinnen und Mieter bei Um- und Erweiterungsbauten von Anfang an eingezogen werden können. Reto Bärtsch, Christian Föhn und Kathrin Wohlgemuth machten der Genossenschaft ganz konkrete Vorschläge, ob sich daraus ein Auftrag ergibt, diese auch konkret auszuarbeiten, ist noch offen.
Aufnehmen, einfädeln, anzetteln und weiterweben
Der Einsatz des Sozial-Labors in Affoltern hat für den Standortleiter und Dozenten Edi Martin zwei wichtige Ergebnisse gebracht. Erstens hat der Einsatz die Studierenden animiert, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen in einer ganz konkreten Form in die Praxis umzusetzen. Aus Untersuchungen entstanden ein Film oder eine Führung und damit wurde auch eine breitere Öffentlichkeit involviert. Anliegen wurden aufgenommen und neue Kontakte eingefädelt.
Diese Beteiligung von Quartierbewohner und –bewohnerinnen an der Entwicklung ihres Quartiers zu fördern war das zweite Ziel, das die Dozenten Edi Martin und Hanspeter Hongler mit dem Auftritt der Container-Installation verfolgten. «Wir haben etwas in Gang gesetzt, an dem die lokalen Akteure weiterarbeiten können», ist Edi Martin überzeugt. Noch viele Fäden gilt es für das Zusammenleben im schnell wachsenden Quartier Affoltern zu verknüpfen.
13.9.2008: Gespräche am kurzen und am langen Tisch
(Wim.) Während der Künstler Max Bottini den langen Tisch im Zelt des Sozial-Labors aufbaute, kam am kurzen Tisch des Kulturbahnhofs Affoltern eine kleine Runde zusammen: Bajram Aruqi, Yolanda Ubico, Muhamed Miran, Franziska Pflug und Osman Osmani diskutierten was sie erleben, wenn sich ihre Kinder langsam von zu Hause ablösen. Was passiert, wenn zwei Welten aufeinander prallen, oder wenn sie langsam aber sicher den Kontakt zueinander verlieren, wenn Jugendliche und Eltern nicht mehr die gleiche Sprache sprechen, wenn sich die Zerrissenheit der Erwachsenen auf ihre Nachkommen überträgt oder diese vom Hintergrund ihrer Väter und Mütter nichts mehr wissen wollen?
Ob dieser Hintergrund die Flucht aus Kosovo, dem Iran oder einfach die Übersiedlung von Friedrichshafen über den Bodensee und den Seerücken nach Frauenfeld ist, als Zuhörer konnte man die Erfahrungen der Migranten-Eltern schnell mit den eigenen verbinden. Ob aus- oder inländischer Hintergrund, die Adoleszenz ist ein Thema, das verbindet. «Vielleicht funktioniert Integration wenn wir erkennen, welche Gemeinsamkeiten wir haben», fasste der Moderator Thomas Zehnder, Dozent am Departement Soziale Arbeit, die spannende Diskussion zusammen.
24 Meter Tisch ... 500 Kerzen ...
Nachdem Bottini die beiden langen Tische sorgfältig ausnivelliert hatte, damit keine Übergänge mehr sichtbar waren, deckte er die Tafel mit 24 Meter orangem Tischtuch und einem Band von 500 Teekerzen. Draussen regnete es in Strömen und Bottini ging nochmals die Liste der Gastgeber und Gäste durch, die sich bei ihm angemeldet und die er nach dem Zufallsprinzip gepaart hatte.
... eine Reihe Gastgeber
Dann kamen sie, die Gastgeber und Gastgeberinnen, mit grossen Körben oder Einkaufswagen und packten zwei Gedecke aus, eine Tischdekoration und alles, was sie für ihren Gast gekocht hatten. Es ist nicht einfach, für einen Gast zu kochen, den man nicht kennt. Die einen bereiteten eine kalte Platte mit verschiedenen Käsen, aufgeschnittenem Fleisch und Rohkost vor. Andere brachten einfach eine Pizza mit, in Alufolie verpackt, um sie warm zu halten, oder eine selbst gemachte Kürbissuppe und frisches Brot, oder einen Auberginenauflauf mit Lammfleisch, einen thailändischen Reistopf, gebratene Nudeln mit Frühlingszwiebeln und Sojasprossen, Schinkengipfeli, Fruchtsalat und Schwedentorte und Tiramisu und Kaffee und einen Whisky.
... und eine Reihe Gäste
Jeder Gastgeber kochte nur für einen Gast. Und jeder Gast brachte seinem Gastgeber ein kleines Geschenk mit. Was bringt man jemandem, den man nicht kennt? Das war noch schwieriger, als für einen Unbekannten zu kochen, daher meldeten sich bei Max Bottini auch mehr Gastgeber als Gäste an. Bottini kennt das, er hatte schon zwischen Kreuzlingen und Konstanz an einen langen Tisch eingeladen, eine Kunstaktion mit dem Titel «grenzenlos feiern». Bei Bottinis Kunst geht es meistens ums Essen, wenn er «Eingemachtes» von 365 Thurgauerinnen in der Karthause Ittingen ausstellt oder zum «farbessenkochen» ins Gewerbemuseum Winterthur, rund um die Ausstellung zum Thema Farbe, einlädt. «Essen, gemeinsam essen, löst Emotionen aus», sagt Bottini, «darum geht es doch in der Kunst, in welcher Sparte auch immer.» (www.maxbottini.ch)
«Die Grenzen sind fliessend»
Und wer kam als Gast, als Gastgeberin? Und warum? «Ich habe mich nach langem Überlegen angemeldet, erzählte eine ältere Frau. Doch Anfang Woche wurde es ihr plötzlich mulmig und sie wollte sich entschuldigen. Ihre Enkelkinder hätten sie ermutig, doch zu gehen. Ein junges Paar, neu von Australien nach Affoltern gezogen, kam mit einem neunmonatigen Baby. Sie hatten davon in der Zeitung gelesen, fanden es eine witzige Idee und meldeten sich an. Ein alt Regierungsrat, der im Quartier wohnt, wurde von einer Bekannten darauf aufmerksam gemacht. Er war 24 Jahre für die Bildungspolitik und die Kulturförderung verantwortlich gewesen und ist immer noch neugierig. Ob das Kunst oder soziale Arbeit ist interessiert ihn weniger, «die Grenzen sind fliessend», sagte er und genoss Rotwein, Brot und Käse.
Weiter an den Inselhof
Am Montag kommt der Lastwagen und bringt die beiden Container an den Inselhof, beim Stadtspital Triemli. Am Freitag 20. und Samstag 21. September heisst das Thema im Sozial-Labor «Wenn Eltern Hilfe brauchen.»




































