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Gründung

Viel guter Wille, aber es fehlte «ein bestimmtes Mass von Wissen und Können»

 

Drei Frauen etablieren die erste Fürsorgeausbildung der Schweiz

Mentona Moser
Mentona Moser
Maria Fierz / Marta von Meyenburg
Maria Fierz / Marta von Meyenburg

Um 1900 lebten die Schweizerinnen Mentona Moser und Maria Fierz, beide Töchter aus gutem Haus, zu Ausbildungszwecken in London. Dort sahen sie die wirtschaftliche Not einer grossen Bevölkerungsschicht. Sie kamen in Kontakt mit den Ideen der Sozialreformer und engagierten sich als freiwillige Helferinnen in den Arbeiterquartieren. Zurück in Zürich, schufen sie 1908 das schweizweit erste Ausbildungsangebot in sozialer Fürsorgetätigkeit und legten damit den Grundstein der heutigen Hochschule für Soziale Arbeit.  

 

Engagement in Londons Arbeiterquartieren

Bei ihrem ersten Gang durch Londons Arbeiterviertel erschrak Mentona Moser: Auf engstem Raum lebten die Leute in den russgeschwärzten Häusern zusammen, Frauen in zerschlissenen Kleidern, balgende Kinder und Betrunkene prägten das Strassenbild, es stank, und der Lärm war ohrenbetäubend. Bald darauf bewarb sich die junge Frau um die Aufnahme in das Settlement in London Southwark. Seit den 1880er Jahren waren in England und den USA sogenannte Settlements entstanden, in denen junge Menschen aus höheren Schichten mit der ärmeren Arbeiterbevölkerung zusammenlebten. Auf diese Weise wollte man die Klassengegensätze überwinden und der Arbeiterbevölkerung Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Um die Jahrhundertwende liess sich Mentona Moser im Londoner Settlement zur Sozialhelferin ausbilden. Auch Maria Fierz – eine Jugendbekanntschaft Mosers – absolvierte auf deren Hinweis einen Studienaufenthalt in Southwark. 

 

Zurück in Zürich

1903 kehrten die beiden Frauen inspiriert nach Zürich zurück und arbeiteten als Freiwillige in verschiedenen Fürsorgewerken. Die Situation in den vergleichsweise kleinräumigen Schweizer Städten war nicht direkt vergleichbar mit einer Grossstadt wie London, aber dennoch waren auch in Zürich die Jahre nach der Jahrhundertwende von fast täglichen Streiks und einer grossen Not der Arbeiter geprägt. Maria Fierz und Mentona Moser engagierten sich unter anderem in der städtischen Armenpflege und bei der Hilfskolonne des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins, wobei sie Letztere auch gleich neu an der in England gelernten Methode der Hilfe zur Selbsthilfe ausrichteten. Während ihrer praktischen Arbeit in öffentlichen und privaten sozialen Einrichtungen orteten sie einen grossen Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften. Der Wille zum Helfen war zwar bei vielen vorhanden – aber es fehlte «ein bestimmtes Mass von Wissen und Können», so der Sekretär der kantonalen Erziehungsdirektion. Vor dem Hintergrund ihrer Ausbildung in London und der Arbeitstätigkeit in Zürich machten sich Fierz und Moser an die Konzeption eines Kurses für Frauen, die im Fürsorgebereich Freiwilligenarbeit leisten wollten. 

 

Der erste Fürsorgekurs

Die beiden verfügten – dank ihrer bürgerlichen Herkunft und den bisherigen Tätigkeiten – über gute Kontakte zu wichtigen Vertretern aus Politik und Behörde. Es gelang ihnen, den Kurs unter die Aufsicht der kantonalen Erziehungsdirektion zu stellen und ihm so zu entsprechendem Status zu verhelfen. Neben Maria Fierz und Mentona Moser bildeten zwei weitere Frauen und sieben Männer das Kurskomitee. Parallel gewannen Moser und Fierz lokale Grössen aus Medizin, Erziehung und Recht als Dozierende und fanden genügend Anstaltsleiter, die bereit waren, die Schülerinnen als Praktikantinnen aufzunehmen. Auf die Ausschreibungen in der Tagespresse meldeten sich einige Dutzend Frauen aus Zürich und anderen Kantonen, davon wurden 17 als Schülerinnen aufgenommen. Am 12. Januar 1908 begann der erste «Kurs zur Einführung in weibliche Hülfstätigkeit für soziale Aufgaben». Hauptpfeiler des halbjährigen Fürsorgekurses bildeten die Praktika in verschiedenen Institutionen – hauptsächlich im Bereich der Kinderfürsorge. Vorträge zu medizinischen, pädagogischen und rechtlichen Themen sollten das theoretische Wissen der Schülerinnen sichern. 

 

Eine dritte Gründerin

Schon nach dem ersten Kurs trat Mentona Moser von der Leitung zurück. «Teils aus Zeitmangel, teils weil jede linkspolitische Einstellung abgelehnt wurde», schreibt sie in ihrer Autobiografie. Moser betrachtete die sozialen Verhältnisse kritisch und ortete die Armutsursachen nicht einseitig bei den Bedürftigen. Zudem sollte die Art und Weise der Hilfeleistung auf gegenseitiger Sympathie und Achtung basieren: Moser distanzierte sich von der Zürcher Praxis, wo das Gutdünken der bürgerlichen Helferinnen Mass und Ausgestaltung der «Hilfe» bestimmten. Maria Fierz war sich dieser Tendenz durchaus auch bewusst, sie war aber in ihrer Kritik weniger konsequent als Moser. Nach deren Rückzug musste sich Fierz nach einer neuen Ko-Leiterin umschauen. Ihr Weg führte sie ins Zürcher Stadthaus. Dort arbeitete Marta von Meyenburg als freiwillige Gehilfin des Leiters der Amtsvormundschaft und war mit der Aufsicht über die Situation der Mündel betraut. Marta von Meyenburg hatte 1905 in Zürich die Pflegerinnenschule absolviert. Ein Jahr vor Maria Fierz’ überraschendem Besuch in ihrem Büro hatte sie sich um die Aufnahme in deren Fürsorgekurs beworben und war als überqualifiziert abgewiesen worden. Damals sehr enttäuscht, nahm von Meyenburg nun die Stelle als Ko-Leiterin gerne an. In ihrem 25-jährigen Engagement prägte «die dritte Gründerin» die Aufbauphase der Fürsorgeausbildung ganz wesentlich.  

 

Doppelte Motivation

Im Nachruf auf Maria Fierz hob Marta von Meyenburg zwei Anliegen ihrer Freundin hervor: «War ein Mangel an geeigneten Mitarbeitern für soziale Aufgaben in der Schweiz Maria Fierz sehr deutlich geworden, so hatte sie anderseits in ihrer Umgebung auch die Not des jungen Mädchens aus guter Familie kennen gelernt, das ohne richtigen Lebenszweck dahinvegetierte und oftmals seelisch verkümmerte.» Nicht nur die Not der armen Bevölkerung und der Mangel an ausgebildeten Helferinnen waren den Gründerinnen Motor für ihr Engagement – auch die «Not des jungen Mädchens aus guter Familie» trieb sie an. Der Standeskodex für höhere Töchter sah noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für junge Frauen wohl ein bisschen Bildung sowie Haus- und Handarbeit vor, doch ebenso wie Moser, Fierz und von Meyenburg empfanden viele von ihnen ihr Dasein als eintönig und langweilig. Die Freiwilligenarbeit im Armenwesen erwies sich dabei als sinnstiftende Tätigkeit und war darüber hinaus anschlussfähig an die gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen. Frauen könnten auf diese Weise «ihre angeborene Mütterlichkeit und Liebe in das öffentliche Leben hinaustragen» und «mildernd und versöhnend eingreifen in den grossen Gegensatz zwischen Arm und Reich, Krank und Gesund, Recht und Unrecht», so eine Zeitgenossin der Gründerinnen. Über die Tätigkeiten in der Kinderfürsorge hinaus wurde «Mütterlichkeit» zu einem zentralen Wert in der sozialen Arbeit. 

 

Fürsorgerinnen zwischen Beruf und Berufung

Dabei erwies sich dieses Leitbild als ambivalent: Auf der einen Seite konnten die bürgerlichen Frauen dadurch ihren Anspruch auf eine professionelle Tätigkeit im Sozialbereich geltend machen – und dies vergrösserte ihren Wirkungsradius. Andererseits festigte das Konzept der Mütterlichkeit traditionelle Rollenfixierungen: Wie konnte man Emotionalität als Qualität einer Fürsorgerin hochhalten und gleichzeitig leitende Positionen beanspruchen? Denn hier war Rationalität gefragt – und die fand sich nicht im Konzept der Mütterlichkeit, sondern wurde weiterhin vor allem Männern attestiert. Trotzdem erreichten Maria Fierz und Marta von Meyenburg, dass die Fürsorgerinnen in der Kinder- und Jugendfürsorge das Ansehen von Expertinnen genossen und bald «sogar» entlöhnt wurden. Auch die Ausbildung gewann einen neuen Status: Gut zehn Jahre nach der Durchführung des ersten Fürsorgekurses wurde 1920 das Kurswesen in eine Berufsschule überführt. Marta von Meyenburg wurde von der ehrenamtlichen Kurs- zur bezahlten Schulleiterin. Die Soziale Frauenschule Zürich erhielt nun Subventionen von Stadt und Kanton Zürich sowie auch vom Bund. Damit wurde die weibliche soziale Hilfstätigkeit von der Berufung zum Beruf. Dieser blieb zwar für Frauen noch jahrzehntelang gering entlöhnt und war kaum mit Aufstiegschancen verbunden. Doch die drei Gründerinnen legten in ihrem Engagement den Grundstein einer Ausbildung, die während hundert Jahren stetig ausgebaut, überdacht und entwickelt wurde – und heute den Rang eines Fachhochschulstudiums hat.  

 

Sasha Staiger, Historikerin und Mitarbeiterin im Departement Soziale Arbeit

 

 

Ausgewählte Quellen und Literatur

Fierz, Maria (1912). Kurse in Kinderfürsorge in Zürich 1908–1912. In: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege 13. S. 509–524.

Meyenburg, Marta von (1957). Aus dem Leben von Maria Fierz, 1878–1956. Oberrieden.

Moser, Mentona (1903). Die weibliche Jugend der oberen Stände. Betrachtungen und Vorschläge. Zürich: Schultheiss.

Moser, Mentona (1986). Ich habe gelebt. Zürich.

Ramsauer, Nadja (2000). Verwahrlost. Kindswegnahmen und die Entstehung der Jugendfürsorge im schweizerischen Sozialstaat. Zürich.

Rosanis, Rose Marie (1983). 75 Jahre Schule für Soziale Arbeit Zürich 1908–1983. Zürich.

Sachsse, Christoph (2003). Mütterlichkeit als Beruf. Sozialarbeit, Sozialreform und Frauenbewegung 1871–1929. Weinheim (Kasseler Studien zur Sozialpolitik und Sozialpädagogik, Band 2).

Zollinger, Friedrich (1908). Bericht über den ersten Kurs in Kinderfürsorge: Dem Erziehungsrat des Kantons Zürich erstattet. In: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege 9. S. 74–96.

 

Nachweis der Zitate:
Titelzitat und Zitat des Sekretärs der kantonalen Erziehungsdirektion Friedrich Zollinger in: Zollinger, Friedrich (1908). Bericht über den ersten Kurs in Kinderfürsorge: Dem Erziehungsrat des Kantons Zürich erstattet. In: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege 9, S. 74.
Zitat Mentona Moser in: Moser, Mentona (1986). Ich habe gelebt. Zürich, S. 114.
Zitat Marta von Meyenburg in: Meyenburg, Marta von (1957). Aus dem Leben von Maria Fierz, 1878–1956. Oberrieden, S. 17.
Zitat der Zeitgenossin Helene David in: Ramsauer, Nadja (2000). «Verwahrlost». Kindswegnahmen und die Entstehung der Jugendfürsorge im schweizerischen Sozialstaat. Zürich, S. 104.