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Die «ersten» Männer
Seit es soziale Einrichtungen gibt, werden diese mehrheitlich von Männern geleitet. In augenfälligem Gegensatz dazu war das moderne Ausbildungswesen in Sozialer Arbeit, wie es in der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, lange fast ausschliesslich Frauensache. An der Sozialen Frauenschule Zürich wurden erstmals 1946 zwei Männer aufgenommen. Gleichzeitig vollzog sich eine Akzentverschiebung im Ausbildungsprofil.
Die ersten Männer und doch nicht die Ersten
Als nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals in der Schweiz auch zwei Männer eine Ausbildung an einer Sozialen Frauenschule absolvierten, waren sie keineswegs die Ersten in dem Tätigkeitsgebiet, das heute als Soziale Arbeit gefasst wird. Schon seit dem 19. Jahrhundert nahmen Männer insbesondere leitende Funktionen wahr und waren zum Beispiel als Heimleiter oder später auch als Erziehungsdirektoren oder Leiter von Sozialdiensten tätig. In diese Positionen gelangten sie als Juristen oder Lehrer oder auch durch ein Studium einer Bezugsdisziplin der Sozialen Arbeit wie Pädagogik oder Psychologie. Die eigentlichen Fürsorgeausbildungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielerorts von Frauen ins Leben gerufen wurden, blieben hingegen über Jahrzehnte dem weiblichen Geschlecht vorbehalten: Fürsorgerin war klar ein Frauenberuf.
Personalmangel im Zweiten Weltkrieg
Während des Krieges führte die Mobilmachung in vielen Bereichen zu Personalengpässen – so auch in den Fürsorgeämtern. «Nach Kriegsausbruch stieg die Nachfrage nach ausgebildeten Fürsorgerinnen so, dass in kürzester Zeit alle vorhandenen Kräfte beschäftigt waren», steht im Jahresbericht 1939/40 der Sozialen Frauenschule Zürich. Auch verheiratete Frauen, die zuvor bei Eheschliessung ihre Erwerbsarbeit aufgeben mussten, fanden nun Arbeitsstellen. Anscheinend war man in Heimen und Ämtern mit der Arbeit der ausgebildeten Frauen derart zufrieden, dass man künftig auch bei den Männern nicht mehr auf eine fundierte Ausbildung im Sozialbereich verzichten wollte. Die Schulen in Genf und Zürich wurden von den Fürsorgeämtern gebeten, fortan auch Männer auszubilden. 1946 nahm die Soziale Frauenschule Zürich als erste Schule der Schweiz «versuchsweise» zwei Männer auf.
Mehr Erziehung als Pflege und die ersten Schüler der Sozialen Frauenschule
Ab 1941 führte die Soziale Frauenschule Zürich je eine Abteilung für die Ausbildung von Fürsorgerinnen und von Anstaltsgehilfinnen – also je eine für die offene und die geschlossene Fürsorge. Der bis anhin einjährige Anstaltsgehilfinnenkurs wurde auf das Schuljahr 1946 zur zweijährigen Ausbildung für Heimerziehung und Heimleitung ausgeweitet. Die Schulleiterinnen wollten damit die Ausbildung den aktuellen Entwicklungen im Heimbereich anpassen: «Bei der Einweisung der Kinder und Jugendlichen in ein Heim ist stärker als früher der Gedanke der Erziehungsbedürftigkeit und des Kinderschutzes und weniger der Gesichtspunkt der Versorgung ausschlaggebend.» Die vertiefte Ausbildung sollte der Akzentverschiebung – weniger Pflege-, dafür mehr Erziehungsarbeit – Rechnung tragen. Ob gerade diese Akzentverschiebung die Ausbildung für Männer attraktiver machte? Als Lehrer beispielsweise waren Männer seit Jahrzehnten in der Erziehungsarbeit aktiv, im Gegensatz zur Pflege und Versorgung von Kindern und Jugendlichen gehörte «Erziehen» längst zum männlichen Rollenrepertoire. Vielleicht hatte auch der Ausbau des ein- zum zweijährigen Kurs und damit zu einer eigentlichen Berufsausbildung dazu beigetragen, dass sich Männer davon vermehrt angesprochen fühlten.
Soziale Arbeit statt soziale Frauen: Schule für Soziale Arbeit Zürich
1949 trug die Ausbildungsstätte dem gewandelten Profil und der erweiterten Klientel mit einem neuen Namen Rechnung: Aus der «Sozialen Frauenschule Zürich» wurde die «Schule für Soziale Arbeit Zürich». Damit sollte nebst der Tatsache, dass seit einigen Jahren auch Männer die Schule besuchten, auch «der heutigen Entwicklungsstufe der Ausbildung für Soziale Arbeit» Rechnung getragen werden – so die Schulleiterinnen im Jahresbericht 1949/50. Neue Arbeitsfelder seien dazugekommen, und die Soziale Arbeit habe sich vom «‹Betreuen› zur sachlichen, wenn möglich vorbeugenden und generellen Hilfe» gewandelt. Auch im 1949 erschienenen Berufsbild «Der Sozialarbeiter, die Sozialarbeiterin» wird die zunehmende Breite der Tätigkeitsgebiete betont. Interessant ist, dass in der Berufsdefinition explizit von «Heimleiter und Heimleiterin», von «Sozialsekretär und Sozialsekretärin» oder «Fürsorger und Fürsorgerin» die Rede ist: Dadurch erscheinen Frauen und Männer als beruflich gleichgestellt. Im Kapitel «Die Arbeitsteilung zwischen männlichen und weiblichen Sozialarbeitern» wird dann aber deutlich, dass sich die konkreten Arbeiten im erweiterten Terrain sozialer und fürsorglicher Aktivitäten noch immer entlang des Geschlechts verteilten: «Die Sozialarbeiter sind zumeist als Sozialsekretäre und Vorsteher von Ämtern tätig. Die Sozialarbeiterin dagegen steht vorwiegend als Fürsorgerin in der Einzelfürsorge» und hat «oft auch organisatorisch-administrative Aufgaben» inne.
Spurensuche
Während das Engagement der Pionierinnen und die weibliche Prägung der Sozialen Arbeit in ihren Anfängen historisch vielfach aufgearbeitet wurden, wird der Eintritt von Männern in das von Frauen geprägte sozialarbeiterische Ausbildungssystem in der Forschung kaum thematisiert. Was motivierte diese Männer, eine von Frauen dominierte Ausbildung zu absolvieren? Der Zugang zu attraktiven Stellen stand ihnen ja bisher auch ohne spezifische Ausbildung offen. Oder wurden die gut ausgebildeten Frauen nun plötzlich zur Konkurrenz für die Männer ohne Sozialarbeitsausbildung? Und wie wirkte sich die Präsenz von Männern auf die herkömmlich weibliche Prägung der Sozialen Arbeit aus? Ausser zwei alten Karteikarten, den Diplomarbeiten und Klassenfotos des Jahrgangs 1946–48 finden sich im heutigen Archiv der Schule keine Spuren von Felix Wieser und Erwin von Waldkirch – den beiden ersten Schülern der Sozialen Frauenschule Zürich. Ob diese Spuren woanders auffindbar wären – und wohin sie wohl führten?
Sasha Staiger, Historikerin und Mitarbeiterin im Departement Soziale Arbeit der ZHAW
Quellen und Literatur
Amthor, Ralph Christian (2003). Die Geschichte der Berufsausbildung in der Sozialen Arbeit: auf der Suche nach Professionalisierung und Identität. Weinheim.
Burkhardt Modena, Esther (1988). Sozialarbeit: ein Frauenberuf auch für Männer? In: Barben, Marie-Louise, Elisabeth Ryter (Hg.): Verflixt und zugenäht! Frauenbildung – Frauenerwerbsarbeit 1888–1988. Zürich. Hofer, Anni (1949).
Berufsbild «Die Sozialarbeiterin. Der Sozialarbeiter», hg. vom Schweiz. Verband für Berufsberatung und Lehrlingsfürsorge. Zürich.
Jahresberichte der «Sozialen Frauenschule Zürich» und der «Schule für Soziale Arbeit Zürich», 1939–1949.
Kruse, Elke, Evelyn Tegeler (Hg.) (2007). Weibliche und männliche Entwürfe des Sozialen. Wohlfahrtsgeschichte im Spiegel der Genderforschung. Opladen.



